Eine kleine Geschichte

12.07.2012

 

 

Eine kleine erfundene Geschichte

Es war einmal eine alte Frau. Sie war krank und konnte nicht mehr allein für sich sorgen. Ihre Angehörigen fanden, es wäre das Beste sie in einem Altenheim unterzubringen. Die alte Frau wollte zwar lieber zu Hause bleiben, aber am Ende blieb ihr keine andere Möglichkeit, als zuzustimmen. Damit ihr der Umzug ins Heim leichter viel, durfte sie eine alte Kommode aus ihrer Wohnung mitbringen. 

Im Heim waren alle sehr nett zu ihr und bemühten sich um ihr Wohlergehen. Trotzdem konnte sich die alte Frau nicht recht eingewöhnen. Etwas fehlte ihr, sie wusste nur nicht was!

So machte sie sich auf die Suche. Nachts war es am Schlimmsten! Sie irrte in den Gängen umher, und konnte ihr Zimmer nicht mehr finden. Wenn die Betreuer sie ins Bett brachten, stand sie sofort wieder auf, denn das konnte einfach nicht ihr Bett sein. Es roch ganz komisch, da war nichts was ihr vertraut schien. Auch ihre eigenen Kleider waren ihr fremd. Sie verlor jegliche Orientierung. Es fühlte sich so an, als hätte sie sogar sich selbst verloren!

Die alte Frau bekam Angst und diese wurde von Tag zu Tag größer. Eine aufmerksame Betreuerin dachte nach, wie sie der alten Frau ihre Angst nehmen könnte. Sie wusste: Sicherheit beruhigt und es galt einen Gegenstand zu finden, der dieser alten Frau Sicherheit und Geborgenheit vermitteln würde. Im Gespräch mit den Angehörigen der Frau kam die Betreuerin auf die Idee, sie könnten das persönliche, ungewaschene Kopfkissen der alten Frau bringen.

"Ach ja!", meinten die Angehörigen. ,,Auf ihr Kopfkissen legte sie immer sehr großen Wert! Sogar wenn sie in Urlaub fuhr, nahm sie immer ihr Kissen mit, damit sie auch sicher sein konnte, dass ihr Schlaf nicht mit einem ungewohnten Kissen gestört würde." Sobald die alte Frau ihr ganz persönliches Kopfkissen von zu Hause hatte, blieb sie das erste mal die ganze Nacht in ihrem Bett! Sie kuschelte sich tief in das Kissen. Der vertraute Geruch weckte Erinnerungen und sie fühlte sich geborgen und getröstet.

Große Liebe und Fürsorge spürte sie im Herzen, als es ihr so vorkam, sie würde ihre Kinder riechen, die öfters bei ihr auf diesem Kissen geschlafen hatten. Täuschte sie sich, oder konnte sie noch den Duft von Lavendel erahnen? Damals, als sie mit ihrem Mann den ersten Urlaub ohne Kinder verbrachte. Wie schön war das in der Provence! Ringsum nur blühende Lavendelfelder, die sie nachts noch in ihrem Haar roch. Eine Welle von Liebe und Zärtlichkeit durchströmte sie, auf der sie sich getragen fühlte. Es wurden auch negative Erinnerungen wach, je mehr sie in ihr Kissen hinein schnupperte. Aber sie fühlte sich so lebendig, so stark, weil sie sich auch daran erinnerte, wie viel Schweres und Schlimmes sie schon überstanden hatte, ohne daran zu zerbrechen.

Als damals ihr Mann starb, wie viele Tränen hatte ihr Kissen da aufgefangen? Als sie vor Sorge um ihre Kinder nicht einschlafen konnte, wie oft schmiegte sich ihr Kissen an ihre Wange und flüsterte: "Nun ist' s aber genug! Komm, schlaf ein! Morgen beginnt ein neuer Tag!" Das Kissen wirkte beruhigend auf sie ein, bis sie wirklich schlief. Schon so lange waren sie und das Kissen ein gutes Team. Sie konnten sich aufeinander verlassen und sich gegenseitig Halt, Wärme und Geborgenheit geben.

Nun, da die alte Frau und ihr Kopfkissen endlich wieder vereint waren, konnte sie sich besser einleben. Sie hatte ein kleines Stück Heimat wiedergefunden! Das würde sie bis zu ihrem Lebensende behalten!

Diese Geschichte macht uns bewusst, um was es bei unserer Arbeit täglich geht: Nämlich um Emotionen und Einfühlungsvermögen.

Letztendlich sind es doch immer die vielen Kleinigkeiten, die Großes bewirken!

Ich widme diese Geschichte Herrn Viertler. Er sagte nämlich am letzten Tag unserer Fortbildung: "Ach wäre es doch schön, wenn jemand einmal eine Geschichte über ein Kopfkissen schreiben würde!"

Gesagt - getan. Lieber Herr Viertler, vielen Dank für die zahlreichen praktischen Anregungen, die sie uns im Kurs immer gegeben haben!

Lanthaler Rita

Lichtenburg Nals am 13.04.12

 

 

 

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