KH Schwarzach schlägt Alarm: Psychiatrie platzt aus allen Nähten

04.10.2016

KH Schwarzach schlägt Alarm: Psychiatrie platzt aus allen Nähten

- Zahl der stationär behandelten Patienten in zehn Jahren mehr als verdreifacht

- Rasche Aufstockung der Betten und Ausbau der räumlichen Kapazitäten nötig

- Primar Marc Keglevic: “Situation ist dramatisch, es besteht dringender Handlungsbedarf”

- KH-Geschäftsführerin Sr. Katharina: „Beschämende Untätigkeit zu Lasten von Menschen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen“

(03.10.2016, Schwarzach/Salzburg). Als einziges Spital außerhalb der Landeshauptstadt ist das Krankenhaus Schwarzach mit einer psychiatrischen Abteilung ausgestattet – und damit die einzige klinische Anlaufstelle für die rund 185.000 Einwohner im Pongau, Pinzgau und Lungau. Doch die Abteilung platzt im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten. Seit Jahren leiden Patienten ebenso wie das Krankenhauspersonal unter massiver Überbelegung. Wurden im Jahr 2005 noch rund 700 stationäre Aufnahmen verzeichnet, stieg diese Zahl auf fast 2.300 im Jahr 2015. Eine rasche Aufstockung von derzeit 53 auf mehr als 80 Betten wäre nötig, um wenigstens den Mindestempfehlungen des „Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen“ zu entsprechen.

“Die Situation ist dramatisch, es besteht dringendster Handlungsbedarf”, schlägt der Leiter der Abteilung, Primar Marc Keglevic, Alarm. “Wir müssen praktisch durchgehend Notbetten aufstellen. Durch die ständige Überbelegung und räumliche Enge der Station kommt es zu einer extremen Überbelastung unserer Mitarbeiter. Sehr oft kann eigentlich nur eine Notfallbehandlung durchgeführt werden, denn der Bettendruck führt zu einer äußerst kurzen Aufenthaltsdauer der Patienten – und so müssen wir immer mehr Patienten mit hohen Psychopharmakadosen entlassen. Gleichzeitig fehlt es an einer ausreichenden Zahl entsprechender Nachsorgeeinrichtungen in der Region, und die enorm langen Wartezeiten bei niedergelassenen Fachärzten tun ihr Übriges zur Verschlimmerung der Gesamtsituation.”

Integriertes Versorgungskonzept für die gesamte Region umsetzen

Keglevic fordert neben einem Ausbau der räumlichen Kapazitäten eine Aufstockung der Bettenzahl, um die Auslastung der Station im Krankenhaus Schwarzach von derzeit oft deutlich über 120 Prozent zu senken. “Zusätzlich sollte man eine dislozierte Tagesklinik unseres Hauses in Zell am See schaffen, um eine vorgelagerte Versorgung für den Raum Pinzgau zu gewährleisten. Außerdem muss endlich ein integriertes Versorgungskonzept für einen nahtlosen Übergang von der Akutbehandlung in eine langfristige wohnortnahe Versorgung umgesetzt werden”, betont der Primar.

Patientenanwältin: “Höchste Zeit, Missstand zu beenden

Unterstützung erhält das Krankenhaus Schwarzach von „VertretungsNetz Patientenanwaltschaft“. Patientenanwältin Christine Müllner-Lacher: “Wir fordern schon seit Jahren eine bessere psychosoziale Versorgung von psychisch erkrankten Menschen im Bundesland Salzburg, insbesondere im Innergebirg. Besonders prekär ist in Schwarzach die räumliche Situation im geschlossen geführten, gemischtgeschlechtlichen Bereich, der bei ‘Normalbetrieb’ gerade noch die Anforderungen des Unterbringungsgesetzes erfüllt. Die gezwungenermaßen kurze Aufenthaltsdauer der Patienten führt leider zu einer Art Drehtürpsychiatrie, da auch die Behandlungs- und Betreuungsangebote außerhalb des Krankenhauses – was die Gesamtversorgung betrifft – den fachlichen Standards hinterherhinken. Es ist höchste Zeit, diesen Missstand zu beenden”, so die Bereichsleiterin der Patientenanwaltschaft.

Politische Untätigkeit zu Lasten von kranken Menschen

Sr. Katharina Laner, Geschäftsführerin im Krankenhaus Schwarzach, betont: “Die extrem engagierten Mitarbeiter unserer Psychiatrischen Abteilung arbeiten permanent am Limit und sehen sich auch aufgrund der räumlichen Enge immer öfter mit Aggressionshandlungen von Patienten konfrontiert. Dieser Zustand erfordert vom Personal eine hohe Kompetenz in deeskalierenden Maßnahmen und ist massiv belastend. Dies gilt natürlich insbesondere auch für die Patienten, die gerade in ihrer Situation Raum für Ruhe und Entspannung bräuchten. Wir haben bereits mehrfach an die Politik appelliert und auf die prekäre Situation unserer psychiatrischen Abteilung hingewiesen - bisher leider ohne Erfolg. Es ist besonders bedauerlich und beschämend, dass hier eine Untätigkeit zu Lasten von Menschen erfolgt, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen.”

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Factbox - Abteilung für Psychiatrie, KH Schwarzach
Zahlen & Daten 2015:

+ Stationäre Aufnahmen: 2.290 (Vergleich 2005: 683)
+ Stationäre Konsile: 3.365 (2005: 1.158)
+ Ambulante Frequenzen: 5.114 (2005: 496)
+ Ambulante Psychotherapien: 2.684 (2009: 66)
+ Unterbringungen*: 461 (2010: 33) (* = Patienten, die gegen ihren Willen aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen stationär aufgenommen werden müssen)
+ Mitarbeiter auf der Station (umfasst alle MA vom Primar bis zum Stationsassistent): 86 (Vollzeitäquivalente: 63,58)

Aktuell verfügt die im Jahr 2004 gegründete Abteilung für Psychiatrie des Krankenhauses Schwarzach über 53 Betten und 6 Tagesklinikplätze. 33 Betten befinden sich am Standort Schwarzach, 20 werden am Standort St. Veit in Form einer dislozierten Station der Abteilung tagesklinisch geführt.

Link zur Presseaussendung des KH-Schwarzach:

http://www.pressefach.info/khschwarzach/201610-khschwarzach-psychiatrie.htm


Link zu den Salzburger Nachrichten: Psychiatrie ist überfüllt - Primar schlägt Alarm

http://www.salzburg.com/nachrichten/salzburg/politik/sn/artikel/psychiatrie-ist-ueberfuellt-primar-schlaegt-alarm/

Link zur Radiosendung: Die "Mittagszeit" vom 5.10.2016 (mit Prim. Dr. Marc Keglevic vom KH-Schwarzach)

http://194.232.200.191/radio_salzburg_ondemand/Mi_13.mp3

 

Antwort von Dr. Masoner an SN

m.masoner

03.10.2016 
20:30 Uhr

Als Psychiater und Kenner der Situation ist Herrn LHStv. Stöckl entschieden zu widersprechen. Bereits in der Planung vor 15-20 Jahren wurden von uns die Steuerungseinrichtungen aufmerksam gemacht, dass die Psychiatrische Station im KH größer gebaut und die integrierte ausserstationären Behandlungseinrichtungen gleichzeitig fachgerecht entwickelt werden müsse. Dies wird bis heute nicht bedarfsgerecht von den Landesverantwortlichen betrieben. Sr. Katharina Laner hat zu 100% recht !

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